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Sammlung: Ludwig Anzengruber 2

Der Pfarrer vom Kirchfeld Teil 2

1839-1889, Ludwig Anzengruber

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                         Erster Akt.

(Jagdfanfaren, bevor der Vorhang aufgeht, schließen die Ouverture.)

Dekoration: Gebirgslandschaft; Coulisse: vom Hintergrunde ansteigende Felsen, in die Seite verlaufend und praktikabel, links ein kleines Haus, durch Aushängzeichen als Wirtshaus kenntlich gemacht, ein Tisch vorne rechts nahe an der Coulisse.

Erste Scene.

(Die Jagdfanfare setzt, während der Vorhang aufgeht, noch einmal und während die Scene frei ist und Graf Finsterberg und Lux im Hintergrunde auf den Felsen erscheinen, das zweite und letzte Mal verhallend ein.)

Lux (rauher alter Weidmann, militärische Haltung, in die Scene links weisend). Excellenzherr, dort drüben ist ein kapitaler Stand, da wechselt das Wild gerne.

Finsterberg (graues Haar, in der Mitte gescheitelt, glattes Gesicht, hohe Binde, steif, trocken, aber aristokratische Manieren, Jagdkleid, gleichfalls in die Scene links deutend). Das dort vor uns ist wohl Kirchfeld?

Lux. Zu dienen, Excellenzherr.

Finsterberg (vorkommend). In dem Pfarrsprengel wirtschaftet ja der Hell?

Lux (folgt in respektvoller Entfernung). Hm, halten zu Gnaden, aber (betonend) unser hochwürdiger Herr heißt Hell.

Finsterberg (hustet). Ja, ja, ganz gut. Ist er Ihm auch ins Herz gewachsen, Lux?

Lux. Mir? Halten zu Gnaden, ich bin Weidmann – Forstmann – ich geb' eigentlich auf keinen was, der da in einem gemauerten Häuschen was reden will von dem, der die weite Welt erschaffen hat.

Finsterberg (rasch sich gegen Lux wendend). Lux, was soll das gottlose Reden?

Lux. Ist nicht gottlos, halten zu Gnaden, mag wohl bloß so aussehen; in so einem Gemäuer wird mir angst und bang, wenn da einer Gott und Welt 'neinsperren will und hat kaum eine Gemeinde drin Platz, da 'raus sollten sie kommen in grünen Wald, ho, da würden sie anders reden und der hochwürdige Herr Hell, das wär' so ein Waldprediger nach meinem Herzen – halten zu Gnaden!

Finsterberg (lächelnd). Na ja, ja, Er Waldbär! – Ihm hält man manches zu gute, nur trag' Er das nicht unter die Leute mit den Welt- und Waldpredigern und bedenk' Er, daß der Satan, wenn ihm's um Seine Seele zu thun ist, auch einen grünen Rock anzieht, und drum hol' Er sich immerhin alle Sonntag sein Stück Christentum in dem gemauerten Haus da drüben.

Lux. Thu's ohnedem, Excellenzherr, verdrießt mich auch nicht, von wegen dem hochwürdigen Herrn Pfarrer dort, dem Hell, der sagt: »Sei du brav und geh ehrlich deiner Wege, so sind's Gotteswege.«

Finsterberg (hustet erregt). Lux, thu' Er mir das neumodische Reden ab! Merk' Er's, das leid' ich nicht! Weg und Weg das ist ein Unterschied, auf Gottes Wege glaubt jeder hinzutraben und 's gibt doch Wege, wo er vor Hindernissen nicht hingelangen kann zu ihm und mag er sonst noch so wacker ausschreiten. – Bleib' Er hübsch auf dem, den man Ihm von Kind auf gewiesen hat, und dank' Er Gott dafür, daß Ihm dies Glück geworden ist.

Lux. Thu's ohnedem – halten zu Gnaden – nur mein' ich . . .

Finsterberg (strenge). Lux, solche Leute wie Er haben nichts zu meinen; sobald sie das anfangen, hat alles Auskommen mit ihnen ein Ende. Ihr habt nichts zu meinen! Wir meinen auch nichts, wir nehmen die göttliche Weltordnung, wie sie da ist, mit allen ihren Vorteilen einerseits und all der schweren Verantwortung anderseits.

Lux (hingeworfen). Ungeschaut!

Finsterberg. Und zu der letzteren gehört auch, daß wir die Leute, die wie Er sind, führen zu ihrem eigenen Besten, – das »Obenhinauswollen« führt zu nichts und vorgesorgt muß werden, daß ihr im alten guten Geleise bleibt, denn sieht Er, Lux, die göttliche Weltordnung bestand schon lange, länger als wir es denken können, und wird bestehen, solange es Menschen gibt. Wer sich dagegen auflehnt, dem wird's bald in seiner eignen Haut nicht wohl – warum? Er sieht, das Gebäude steht fest und ändern kann er's nicht, wie er auch dran rüttelt, und wer die andern dazu verführt. den muß man wegrücken aus deren Gemeinschaft.

Lux. Glaub's ohnedem.

Finsterberg (nickt vor sich hin). Dabei bleib' Er, Lux, und wir bleiben die Alten. (Zieht seine silberne Dose, greift bedächtig nach einer Prise.) Die göttliche Weltordnung, Lux (klopft ihm gnädig auf die Achsel), die ist wie sein Wald, ganz so, da ist nichts gewaltsam gemacht, da ist alles geworden und da kann auch nichts gewaltsam davon abgethan werden. Da stehen die gewaltigen vielhundertjährigen Stämme, die durch die Sonne Gottes großgezogen worden sind, da stehen sie weit gebreitet auf dem Boden, der ihnen gehört, da sie in ihm wurzeln, und dehnen sich durch den ganzen Raum, der ihnen zur Entfaltung verliehen ward, und das ist ihr Recht, denn den brauchen sie, auf dem stehen sie – weiß Er nun, Lux, warum das Unterholz ihnen nicht über den Kopf wachsen kann?

Lux. I natürlich, weil sie ihm den Raum dazu vorwegnehmen. Wenn der Regen vom Himmel fällt, so nehmen die Kronen das meiste weg und das Unterholz mag sich getrösten; wenn's nicht regnet, so tröpfelt's doch; und in der Erde rücken sie mit starken Wurzelästen die schwachen Faserchen beiseit'.

Finsterberg (jetzt erst mit Befriedigung schnupfend). Sieht Er, Lux, so ist's, das ist die Weltordnung, das ist der Ständeunterschied; wie die großen Waldbäume das Unterholz vor dem Sturm, so schützen wir die Leute, wie Er ist, vor den bösen Gewitterstürmen der Neuzeit! (Plötzlich launig.) Sag' Er mal, Lux, wenn so ein Unterholz über die andern hinausschießt, daß Er befürchten muß, es fährt Seinen alten Kernstämmen mit den Aesten in die Quere, was thut Er da?

Lux. Versetzen, Excellenzherr, natürlich, versetzen den Waldverderber.

Finsterberg (nickt lächelnd). Ja, ja, daß ihm der »Hochhinaus« die anderen Unterhölzer nicht verdirbt, durch die böse Lockung, versetzen, versetzen! Und wenn er das nicht verträgt?

Lux. Zehrt er ab, verdirbt. Ist aber kein Schade.

Finsterberg (nickt für sich). Ja, ja, kein Schade, versetzen!

Lux (nachdenklich). Halten zu Gnaden, Excellenzherr, das ganze Gleichnis, so gleichsam, vom Wald und Unterholz leuchtet mir schon ein, aber das vom Versetzen?!

Finsterberg. Wart' Er's nur noch ein Weilchen ab, Lux, dann wird's Ihm schon klar werden. Forstwirtschaft, Alter, die Er eben vorher nicht versteht.

Lux. Will schon aufpassen, Excellenzherr!

Finsterberg. Wer kommt denn da den Weg von Kirchfeld her?

Lux. Mein Seel', das ist der hochwürdige Herr!

Finsterberg. Der Hell?

Lux. Er selber, Excellenzherr! Wie der Wolf in der Fabel, nur mit dem gewaltigen Unterschied, daß er kein so gefährlicher Gesell ist.

Finsterberg. Hm, sag' Er das nicht so voreilig. (Kleine Pause.) Lux (winkt ihm zu gehen), laß Er mich allein!

Lux. Excellenzherr!

Finsterberg (unwillig). Marschier' Er!

(Lux ab.)

Finsterberg (allein). Er lauft mir in den Schuß, wir wollen ihn aufs Korn nehmen; wenn er klug ist, so gewinnt er uns beizeiten noch die Witterung ab – wär' mir lieb, gäbe mir ein rechtes Ansehn das. St. Peter, mein heiliger Patron, nannte sich einen Menschenfischer, will heute auch einmal die Flinte aus der Hand legen und Menschenjäger werden. Weidmannsheil(nickt für sich nachdenklich, indem er zur Dose greift), ja, ja, werd' mir zu teil. (Wendet sich gegen den Kommenden.)

  • Text-Herkunft: Gemeinfrei
  • Text-ID 3523
  • Hinzugefügt am 21. Jan 2014 - 20:59 Uhr

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Verwandte Suchbegriffe

wechseln, wild, heißen, , herz, weidmann

Einsteller: sophie-clark

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2 Kommentare

  1. sophie-clark

    Ein beliebter Pfarrer gerät durch Verleumdungen in den Verdacht einer verbotenen Liebschaft.

    23. Okt 2015 - 19:12 Uhr

  2. sophie-clark

    Im nächsten Teil:Dialog zwischen Hell und Finsterberg

    13. Sep 2016 - 15:52 Uhr

 

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