Text-Suche

Wer ist online

1 registrierter Benutzer und 21 Gäste online.

Noch nicht registriert oder angemeldet. Hier registrieren.

Sammlung: Felix Dahn

Die Freibitte Teil 5

1834-1912, Felix Dahn

<- vorheriger Text nächster Text ->

VI.

»Seinem hochehrwürdigen Vater und Herrn Theudemar dem Abt, Paulus, Warnefrids Sohn, der Mönch.

Hätt' ich auch nicht verbrochen, Euch, dem hohen Paar zu Benevent und meinem herzgeliebten Bruder oft und ausführlich Nachricht zu schreiben von all' dem, was ich seit unserer Trennung erlebt und erfahren im Reiche der Franken, es würde mich das Herz dazu zwingen, die Fülle, die überwältigende Fülle der Dinge, die es bewegen, die es zu sprengen drohen, vor Euch auszuschütten. Es ist eine Welt der Wunder, in der ich lebe: aber das Wunderbarste der Wunder ist er, der Unvergleichliche, der Unschilderbare: ist Herr Karl!

Ich weiß, hoher Herzog, diese Worte wecken Euren Zorn: aber ich muß der Wahrheit Zeugnis geben: ja, ich muß: es ist Pflicht: denn lernt Ihr die Wahrheit über diesen Mann, den Unbezwinglichen, dann müssen Euch jene Gedanken vergehen, jene Hoffnungen siegreichen Rachekampfes wider ihn, die Euch im geheimen bewegen: – kenn' ich doch Euren trotzgemuten Heldensinn. Ich flehe Euch an, zu Eurem, Eures Hauses, unseres Volkes Heil: – gebt sie auf, jene Hoffnungen, verscheucht sie für immer, fügt Euch in das von Gott Gewollte. Ja, von Gott, nicht von jenem Sterblichen. Denn fest wie all' sein Volk, wie er selbst glaube ich: Herr Karl ist Gottes des Herrn auserkorenes Rüstzeug, seine Kirche zu beschirmen, seinen Namen auszubreiten unter den Heiden, das Reich Gottes auf Erden zu begründen: ich glaub' es, was seine Völker, was auch seine Feinde raunen: der Engel des Herrn schwebt zu seinen Häupten Tag und Nacht: von seinen Augen strahlt ein Glanz, erhaben, blendend und doch so herzgewinnend durch eine wunderbar warme Güte der Seele. Ihn schildern, das kann niemand: erleben muß man ihn!

Ich sah ihn zuerst in Poitiers, wohin mein treuer Begleiter, Bischof Constantius von Chur, mich über Aosta, Lyon und Limoges zu ihm führte: der Herrscher brachte dort mit eigner milder Hand Hilfe den schwer durch Mißwachs, Hunger und Hunger-Seuche getroffenen Provinzialen: ich traf ihn in der fieberverpesteten Hütte eines armen Winzers; die Ärzte scheuten die Ansteckung, er nicht. Er richtete sich auf von dem Lager des Kranken, über das er sich gebeugt hatte, und sah mich lang an mit seinen großen, die Seele durchdringenden Augen: dann lächelte er, reichte mir die mächtige Hand und sprach: ›Mönchlein, du gefällst mir: in dir ist kein Falsch. Aber zu wenig Blut. Bring du uns dem Himmel näher, – wir wollen dich, du bleicher Geist, der Erde näher bringen.‹

Von Stund an war mein Herz, mein Geist, mein Wille sein eigen! Wir blieben in Poitiers, bis die Seuche erloschen und der mitgeführte Geldvorrat ausgespendet war, dann begleitete ich den König quer durch Gallien gegen den großen Rheinstrom hin und in seine dortigen Villen zu Metz, Diedenhofen, Düren, endlich hierher, in das große Palatium zu Aachen! Hier erst, in seiner wahren Heimat-Pfalz, ging mir das ganze Wesen des Mannes auf und seine Größe! Nicht das Gedränge der Gesandten all' der Fürsten und Völker, die seine Gunst suchen, vom heiligen Vater bis zum Sultan Arraschid zu Bagdad, von den dänischen, angelsächsischen, den asturischen Königen bis zu den Boten des Kaisers aus Byzanz, – nicht die Geschenke, die Schätzungen, welche sie huldigend ihm zu Füßen legen, erregen mein bewundernd Staunen, – nein, die väterliche Liebe, mit der er unermüdlich der Bedrängten, der Armen, der Hilflosen in seinem weiten Reiche gedenkt. In der Nacht springt er vom Lager und schreibt den Namen eines kleinen Bauern fern in den Alpen Bajuvariens am Inn oder an der Loisach, dessen Hilferuf gegen den gräflichen Unterdrücker noch nicht erhört ist, auf seine schlichte Gedenktafel von Schiefer, er, der schreckliche Schlachtenschlager, der ›eiserne Karl‹, er trägt in der Brust das gütevollste Herz.

Und sein Geist! Er hat mich gewürdigt der Aufnahme in den Kreis von weisen Meistern, die seinen Hof zu einer hohen Schule machen. Hier lerne ich von dem ernsten Angelsachsen Alkuin, von dem wir ja alle zu lernen haben, hier traf ich den Landsmann Petrus von Pisa, hier den edlen Goten, den schönheitdurstigen und schönheitspendenden Theodulf von Orleans. Und mit so vielen andern noch darf ich Unwürdiger wie mit meinesgleichen verkehren! Und ganz wie einer von uns lebt und forscht und tafelt und scherzt mit uns auch der mächtigste Herrscher des Abendlands, er neckt und läßt sich necken in Prosa und Gedicht, der ›David‹ dieser Tafelrunde, wie wir ihn, jeden Titel und Hofzwang meidend, nennen müssen: wie Alkuin Horatius Flaccus ist Angilbert, des Herrschers vertrautester Rat, Homer und der junge liebenswerte Einhart – auch manche Jungfrau des Hofes findet ihn so! – heißt gar Beleseel nach dem kunstreichen Baumeister der Stiftshütte, weil der Kluge, Feine gar kunstverständig ist in allerlei Bauwerk. Der ist mir von allen der Liebste, meiner Seele der Nächste geworden.

›Wie sie wohl meinen Paulus getauft haben?‹ forscht hier mein neugierig Brüderlein. Ei seltsam genug! Am dritten Abend unsrer Tafelrunde stieß sich Freund Einhart an dem einzigen ›Ungetauften‹ in dem Kreis und bat Herrn Karl, mir einen Namen zu wählen: der sah mir ernsthaft ins Gesicht, dann lächelte er: ›nun reichlich – reichlicher als mit Fett und Muskeln! – hat ihn der Schöpfer bedacht mit der Nase. »Ovidius Naso« wollen wir ihn nennen.‹

Alle stimmten laut lachend bei und Einhart meinte: ›Aber die ars amandi müßte er wohl erst lernen, um sie zu lehren.‹ Da lachten sie alle noch lärmender. Ich aber schwieg und dachte: ist das eine Kunst? Ich meine, lieben ist nicht eine Kunst, ist eine Notwendigkeit, ein Herzenszwang. Könnte ich euch, ihr in dem Herrn Geliebten, auch nicht lieben? Ich muß, ob ich will, ob nicht! – Nicht müde wird der Herrscher bis in die späte Nacht, uns zu fragen, sich zu belehren. Und mich hat er – die hohe Fürstin hat beschämend richtig geweissagt! – gar bald tief in sein großes Herz geschlossen: auch wenn es nicht Freund Einhart und dessen gar eifrige Schülerin, die schöne Königstochter Emma, versicherten, – ich merke es mit glückseligem Dank täglich an allerlei Dingen und Worten im Ernst und Scherz.

Gestern bei der Abendtafel lobte ich die persischen Äpfel, die ihm der heilige Vater als Geschenk gesandt aus seinem Garten am Tiber: als ich spät Nachts heim komme in mein Hospitiolum neben dem Palast, finde ich sechs der schönsten mit einem Zettel: ›sie seien nicht geschenkt, verkauft, je um vier Verszeilen, und beim Frühmahl müsse ich die fertig vorlesen‹. Da galt es fleißig dichten bis zur Hahnenkraht, denn Theodulf und Angilbert dichten schön, aber richten scharf. Nun, sie waren alle zufrieden, – Die hohe Fürstin gedenkt vielleicht noch der Verse, die sie mir zuweilen auftrug in Pavia: – ach, die waren doch viel besser. Wie oft gedenk ich mit Heimweh der Seele der schönen Tage am Tessin! – –

*

Dieser Brief wird, ich merk' es, ein ganzes Tagebuch: nun, ein solches habt ihr ja, hat zumal der Herr Herzog gewollt, und heute hab' ich das Wichtigste zu melden, was mir bisher am Hof begegnet: eine hohe Auszeichnung: manche beneiden sie mir, meint Einhart. Der König winkte mich heran in aller Frühe bei seinem Ankleiden, dem nur die Vertrautesten beiwohnen dürfen: – er gibt ihnen dann wohl Aufträge, die ihm in schlafloser Nachtstunde gekommen, – lachte mich an mit seinem sonnigen Lachen und sprach: ›Paule, mein Liebling, heute Nacht gab mir der Herr wieder einmal die Weisheit im Schlaf, das heißt im Traum: du weißt, Rothtrud, mein schön Töchterlein, ist verlobt mit Constantin, dem Sohn des Kaisers Leo zu Byzanz. Zu Ostern bring' ich sie mit großem Geleit nach Rom: von dort schifft sie sich ein nach Byzanz: so soll ein Sproß unsres Königshauses auch die Kaiserkrone tragen: bei Sankt Denis, wir sind es wert –! Würdiger als mancher dieser »Romäer« da drüben würde mancher von uns heißen: »Imperator Romanorum«. Aber genug hiervon. Nun, soll schön Rothtrud über Griechen herrschen, muß sie ihres Volkes Sprache verstehn: denn sie soll nicht, wie jene byzantinischen »Imperatrices«, die sie auf Goldgrund malen, steif, regungslos, wie lebendige Tote, nein, wie eine pflichtgetreue Königin der Franken, die emsige Hausfrau des Herrscherhofes, wie ihre Mutter, meine herzgeliebte Frau Hildigard – Gott segne sie alle Stund' und führe sie bald wieder aus ihren Mutter-Schmerzen! – soll meine Tochter da drüben walten, die Tränen der Bedrängten trocknen, ihre Klagen stillen: dazu muß sie aber diese Klagen verstehen: griechisch muß sie lernen! Nun hat zwar der Imperator auf mein dringend Verlangen – er selbst und sein Sohn waren – seltsamerweise! – gar nicht auf den Gedanken gekommen, was doch mehr ihre als meine Sache! – mir zwei feine Griechen seines Palastes geschickt – in prahlerisch prunkenden Seiden-Gewanden: nahm sie neulich mit auf die Saujagd in die Ardennen, wußte, es werde regnen – da lachte er so recht fröhlich vor sich hin – regnete auch: tüchtig wurden sie naß bis in ihre feine »romäische« Haut, die Seidenfetzen verschrumpften. – Einen Alten und einen Jungen: der Alte ist mir aber zu alt d. h. zu langweilig: wohnte neulich einer Lehrstunde bei, schlief ein nach einer halben! – auch mag ich nicht den bösen Falschblick seiner Augen; der Junge aber – Agathon heißt er – ist mir zu jung: meine Rothtrud ist gar schön! Nun schlief ich ein in Sorge darüber, wer mir wohl die beiden Griechen ersetze? Und im Traum tratest du an mein Bett, du mein Paule, mit deinem lieben, nur allzubleichen Gesicht und sprachst: »Herr König, ich kann gut griechisch. Und ich bin treu, nicht falsch. Und jung zwar bin auch ich, aber ich bin Sankt Benediktus zu eigen.« Da sprang ich vom Pfühl und schrieb quer über meine ganze Tafel und alles, was schon darauf stand – da sieh her! – »Paulus der Mönch lehrt sie griechisch!« Und so soll's werden! Wenn du willst, heißt das. Willst du? Ist dir schön Rothtrud nicht zu schön?‹ lachte er. Ich neigte mich und sprach gerührt: ›mit Freuden will ich‹. Denn Fürstin Rothtrud ist mir nicht zu schön. – –

*

Nun hat der Unterricht seit einigen Tagen begonnen. Ich staune: ein paar Wochen hat sie der alte Elisäus schon gequält: und was hat sie gelernt? Nichts! Gar nichts! Und dabei ist die junge Fürstin hellen Geistes, raschen Verstandes und hat ein wunderbares Gedächtnis. Aber freilich, erwäge ich ihr ganzes Verhalten bei meinen weisen Lehren, so begreif' ich ihr Nichtwissen, wenn sie's mit dem Alten ebenso getrieben hat. Sie hört mir zu, engelgeduldig: nur denkt sie einstweilen offenbar an etwas ganz anderes! Dabei lächelt sie immer vor sich hin, zuweilen mutwillig, so daß ich meinte, sie lache mich aus: aber nein, denn meist ist es ein still seliges vor sich hin Sinnen und Lächeln, ein beneidenswertes, geheimes Glück verratend. Auf Mädchenlächeln aber, auf Mädchen überhaupt versteh' ich mich gar nicht, o Fürstin Adalperga!

*

Am Schluß der heutigen Stunde – jetzt eben – hörte ich etwas, das gewiß den Schlüssel des Geheimnisses birgt: leider verstand ich zu wenig davon. Fürstin Emma, die den Stunden beiwohnt – sie schreibt dabei gar eifrig an den Übersetzungen ins Latein, die ihr Freund Einhart aufgibt – flüsterte der Schwester beim Hinausgehen etwas zu – ich nahm gerade in der Ecke meinen schwarzen Mantel um, aber ein wenig hörte ich doch: – es war offenbar eine Mahnung, merksamer zu sein, ihre schriftliche Aufgabe fleißiger zu machen: da antwortete Rothtrudens metallische, glockenreine, aber auch glockentiefe Stimme: ›Ach was! Lerne du nur weiter bei deinem Einhart und kümmere dich nicht um mich. Du wirst doch nicht etwa glauben, daß ich jemals den Griechenprinzen nehme?‹ Und lachend schwebte sie hinaus. – Was soll das heißen? Den König, den ganzen Hof, mich zum besten haben?

*

Allgütiger Gott! Dank den Heiligen, daß sie mich unwürdig Werkzeug wählten, ein schändliches Verbrechen zu verhindern! Kaum hatte ich heut' in aller Frühe mein Morgengebet vollendet, als an mein schmales Kämmerlein gepocht wurde und herein trat zu meinem höchsten Staunen meine fürstliche Schülerin, ehrerbietig gefolgt von einem gar stattlichen, schönen Herrn: ich kannte ihn gut, es ist ihr Mariskalk, Graf Rorich von Maine, einer der prächtigsten von unsren – d. h. von des Königs! – Palatinen. Die Jungfrau hob an: ›Verzeiht, mein weiser Lehrer, den Verdruß, den Euch die ungelehrige Schülerin gemacht hat. Die Schule ist aus, denk' ich: zu ihrem, aber auch zu Eurem Heil, Sprecht, Graf von Maine.‹ Und den traf ein kurzer Blick, welchen wohl andres noch als Dank durchglühte, – soviel verstehe sogar ich von Mädchenblicken.

Der Graf neigte sich höfisch vor mir geringem Mönch und begann: ›Mein ganzer Dienst, all meine Treue und Sorge ist Fürstin Rothtrud geweiht und wird es bleiben mein Leben lang. Unleidlich war mir von je der Gedanke, die Herrliche dem falschen Byzanz anzuvertrauen, und einem – ich weiß es! – ungeliebten Mann. Mit Argwohn beobachtete ich von Anfang an die beiden Griechen, zumal Elisäus: mir fiel auf, daß sie, sowie ein weiterer Gesandter vom Kaiser eintraf, geheim tuschelten, sich Nachts heimlich besuchten und besprachen. Gestern nun – Ihr wißt es – kam wieder ein Bote aus Byzanz mit allerlei Schreiben – an den König, die Königin, Fürstin Rothtrud, – die offen übergeben wurden: es stand – wie gewöhnlich – nichts drin als griechischer Wind. Nach dem Nachtmahl sah ich Elisäus und Agathon durch den Palastgarten nach ihrem Hospitium schreiten, in eifrigstem Flüstergespräch, in hitziger Erregung offenbar: ich folgte ihnen leise: die mond- und sternenlose Nacht, das Dunkel der hohen Bäume verbarg mich, da hörte ich, – als Gesandter des Herrn in Byzanz hab' ich zwar nicht die Sprache schreiben oder sprechen, wohl aber ein wenig verstehen, auch etwas buchstabieren, gelernt, – wie der Alte zu dem Jungen sprach: er war des Weines voll, wankte im Gang und zitterte an den Händen: »Jetzt ist das Netz gespannt, alles verabredet! Drum gönnte ich mir ein paar Becher Falerner mehr denn heute erhielt ich, durch den Boten des Kaisers, von dem Protonotar die geheime Meldung, – hier im Gürtel barg ich sie« – er klopfte darauf – »schön Rothtrud ist schon so gut wie gefangen im Meerturm am Bosporus. Wehe diesen Barbaren!« Damit erschloß er die Haustür ihres Hospitiums: ich wollte herzuspringen, – ihn fassen: aber da sah ich in dem Licht, das aus dem geöffneten Gang strahlte, etwas Weißes auf die Erde gleiten: wie er den Schlüssel in der Gürteltasche suchte, war ihm das Schreiben herausgeglitten, so hoffte ich: und so war es. Ich raffte es auf, lief in den Hof des Palastes zurück, wo in dem Tor die Pechfackel brennt und las, – ach wollte lesen! Es waren zwar griechische Buchstaben, aber in einer Geheimschrift – von niemand zu entziffern,‹ schloß er seufzend.

›So fürchtete mein Freund,‹ fiel die Jungfrau rasch ein. ›Als er aber heut' in aller Frühe – er hat täglich mit mir auszureiten!‹ erklärte sie ein wenig errötend – ›'s ist sein Amt! – mir vom Roß herab die Rolle reichte, – da gedacht' ich, wie Ihr, gütevoller Lehrer, der Schülerin auch von jenen Geheimschriften der Griechen gesprochen, jenen, – wie heißen sie doch?‹ – »Formatae.«– ›Und wie Euer großer Lehrer – wie hieß er doch?‹ – »Flavianus!« – ›Jawohl, – Gott segne Flavianus! – Euch auch eine Anzahl solcher byzantinischer Geheimschriften entziffern gelehrt habe. Geben die Heiligen, daß diese darunter war!‹ Und sie zog aus dem Busen den zerknitterten Papyrus und reichte ihn mir mit zitternder Hand.

Ich sah hinein: ›Gelobt sei der Herr‹ rief ich, ›ja, das kann ich lesen.‹ Und ich las: – und erschrak bis zum Tode: der Herzschlag stockte mir: ›das – das ist teuflisch!‹ sprach ich dann. ›Auf, zu Herrn Karl.‹

Alsbald standen wir vor ihm, der Graf wiederholte dem Staunenden seinen Bericht, der König sah in den Papyrus: ›das ist die Schrift des Protonotars,‹ sprach er. Ich aber las mit oft versagender Stimme: ›Ein Dämon muß diese Barbaren betört haben zu dem Wahne, der Basileus der Romäer werde seinen Sohn vermählen mit dem Kind dieses Räuberkönigs, der uns die schönsten Provinzen Italias entrissen. Der plumpe Bär ging in die seiner Eitelkeit gestellte Falle. Sowie das Püppchen in Byzanz gelandet, – in den tiefsten Turm mit ihr als Geisel. Und nicht eher – bei des Kaisers Haupt! – soll sie das Licht der Sonne wieder schauen, bis ihr Vater all' seinen Raub: Rom, Ravenna, ganz Italien, Istrien, Dalmatien herausgegeben hat. Droht er mit Krieg, so lachen wir: er hat ja nicht zehn Schiffe! Und schön Rothtrud hat nur eine Nase und nur zwei Augen.‹

Da stieß Herr Karl einen Schrei aus, wie ich im Leben nie gehört, nicht wie ein Mann, – wie ein edles, todwund getroffenes Tier. Dann ballte er beide Fäuste, reckte sie gen Himmel, einen furchtbaren Fluch zu stammeln: aber sieh: er fluchte nicht: plötzlich, wie blitzgetroffen, sank er auf beide Kniee, faltete die eben grimm geballten Fäuste zum Gebet und sprach: ›Herr mein Gott, ich danke dir. Ich danke dir für deine wunderhafte Gnade, mit der du mein armes Kind gerettet hast. Ich danke dir, Herr mein Gott! All' mein Leben sei dir ein Dank für diese Stunde.‹ Seht, das ist Herr Karl.

*

Ich konnte gestern nicht weiter schreiben, meine Seele zitterte zu stark. Ich fahre erst heute fort. Die beiden Griechen wurden gefangen gesetzt: mit der Folter bedroht, bestätigten sie alles, was der Brief enthielt. Der König wollte beide zum Tode verurteilen und hinrichten lassen: aber die Frau Königin Hildigard auf ihrem Krankenbett – sie ist ein Engel auf Erden! – erbat beider Leben als Dank für die Rettung der Tochter. So wurden sie in Fesseln nach Italien geschickt, um eingeschifft zu werden nach Byzanz, dorthin die Kriegserklärung König Karls zu tragen. Aber lange vor ihrer Ankunft, mein' ich, werden die Kaiserlichen in unsrem Vaterland die Rache Herrn Karls verspüren: er hat das ganze Heer der Franken aufgeboten von der Avarenmark bis Barcelona, von der Eider bis an den Tiber. Italiens Erde wird gar bald dröhnen unter dem Fußtritt ungezählter Scharen: bei deren Anblick wird wohl jedermann – hört ihr's? jedermann! – den Gedanken an Widerstand gegen Herrn Karl aufgeben.

*

In eurer Güte, hohes Herzogpaar und Herr Abt und in deiner brüderlichen Liebe, mein Arichis, werdet ihr nun vielleicht fragen, wie es in diesen gewaltigen Weltmeerwogen das Schifflein des Mönches Paulus getragen hat?

Zuerst kam mir als Dank meines verdienstlosen Verdienstes eine gar liebliche Herzensfreude: am Abend desselben Tages pochte es wieder an die Tür meines Kämmerleins und herein traten wieder Fürstin Rothtrud und der Mariskalk, aber diesmal Hand in Hand: und mit strahlendem Antlitz – da war sie wirklich schön, Frau Fürstin, das sah selbst ich! – sprach sie: ›o Mönch Paulus des Warnefrid Sohn, kurze Zeit mein Lehrer, aber mein Freund alle Zeit meines Lebens, habt den Dank der Geretteten. Und verzeiht der Schülerin, daß sie so unaufmerksam war und lachte statt zu lernen. Wisset, ich war entschlossen, nie des Kaisersohns zu werden. Nach Byzanz hätten sie mich wohl führen können, aber nie in seine Arme. Denn‹ – und hier errötete sie wieder und stockte eine Weile, aber gar nicht lange – dann fuhr sie freudestrahlend fort – ›denn ich liebe einen andern: stolz sag' ich's: – diesen da! Und der lieben Mutter hab' ich's heut an ihrem Bette gestehen wollen: aber die hat gelacht und gemeint, »das weiß ich viel länger als du. Und ich habe,« fuhr die goldene Mutter fort, »heute dem Vater das Wort abgenommen, daß er nie eines meiner Mädchen ungeliebtem Manne gibt. Und er wird's halten.« Und all' das sag ich Euch, Mönch Paulus, unter allen am Hof ganz allein, weil ich weiß, es erfreut Euch, wenn Ihr auch gar nichts davon habt, denn Ihr habt ein ...‹ da sagte sie was von meinem Herzen. ›Mein Vater kann und wird Euch lohnen mit Ehren und Gütern‹ – als ob Sankt Benedikts Schüler das annehmen dürfte! aber die Glückliche dachte nicht daran! – ›ich aber lohn' Euch so.‹ Und eh' ich mich's versah, faßte mich die Hochgewachsene an beiden Schultern und küßte mich mitten auf die Stirn. Ich beichte, Vater Theudemar, aber es geschah ohne, ja wider meinen Willen. Und es ist der erste Weibeskuß, den ich, seit die Mutter starb, empfangen.

›Aber,‹ fuhr sie fort, ›neben diesem weltlichen Mädchendank – der Graf ist nicht eifersüchtig, nicht, Rorich? – nehmt hier ein heilig Andenken: zierlich in Gold gefaßt einen Splitter vom Kreuze Christi. Harun Arraschid hat ihn mir geschickt: der gute Heide meinte, das Kleinod bringt Glück in der Liebe. Nun, das braucht es uns nicht noch zu bringen – nicht, Herr Mariskalk? – und Euch darf es nichts der Art bringen! – aber Alkuin lehrt, es gibt Kraft der Entsagung und die kann ein Mönch brauchen.› Da trat Graf Rorich vor, gab mir die Hand und sprach: ›Und, Mönchlein, willst du mal einem Wunsche nicht entsagen, – hier ist ein Schwert, das soll dir ihn erkämpfen. Und ein treu ergebener Wille, der dir gerne dient.‹

*

Und Herr Karl, so werdet ihr jetzt wohl fragen – wie hat er den Zufall – nicht wahrlich das Verdienst! – des Mönches belohnt? Hört nur, wie überreich! Früh am andern Morgen ließ er mich rufen. Ich hatte kurze Zeit auf ihn zu warten in einem Empfangsaal, den ich noch nie betreten: da sah ich denn jenes angebliche Wunderwerk, das ihm, wie die Leute fabeln, Gott der Herr selbst aus seinem Himmel durch zwei Engel hat heruntertragen lassen: nämlich auf hohem Gestell von Alabastron eine mächtige Goldscheibe, darstellend den ganzen Erdkreis, mit allen Meeren und Strömen – die aus Silber! – mit allen Inseln und Gebirgen, allen Ländern mit ihren wichtigsten Städten – diese aus allerlei Perlen und Edelsteinen: so fand ich gleich Pavia, – wie suchte ich es! – Benevent, Friaul, Aachen. Diese Scheibe wirkt das Wunder, – so flüstern die Leute, – daß, wo immer in einem Ort seines Reiches die Mark vom Feinde verletzt oder auch im Innern Aufruhr erhoben wird, da – an dieser Stelle, – ein leises Klingen von Innen heraus ertönt, so daß Herr Karl sofort, ehe die Feinde das für möglich halten, die Gefahr erkennen und seine raschen ›Scarae‹ dahin werfen mag. So erklären es sich die Menschen, daß er jede Gefahr in seinem weiten Reich so rasch entdeckt, so rasch und unfehlbar abwendet. Aber die Sage mag eine Warnung sein für alle, die Erhebung planen gegen Herrn Karl: wie ich so einsam neben der Scheibe stand, war mir, ich höre aus ihr ein leises Klingen: – aus der Gegend von Benevent. – – –

Alsbald sprangen die Doppeltüren des marmorgetäfelten Saales auf und herein schritt aus dem Innern des Palastes gerade auf mich zu Herr Karl, aber nicht allein, gefolgt von gar vielen Geistlichen und Weltgroßen des Hofes: ich erkannte den wackern Helden Gerold von Bayern, – den Bruder der Königin, – den Markgrafen Roland von Bretagne, des Königs Neffen, und den von ihm unzertrennlichen Vizecomes Oliver von Viane, den Markgrafen Erich von Friaul, den Grafen Wilhelm von Orange, Bischof Arn von Salzburg.

Dann alle die trauten Genossen unserer ›Akademia‹, wie uns Meister Alkuin neulich taufte: ihn selbst, Einhart, Angilbert, Petrus, Theodulf und die andern: der Graf von Maine lächelte mir zu und legte den Finger auf den Mund: – unnötige Sorge!

Als sich der Halbkreis hinter ihm geordnet hatte, sprach Herr Karl und sein Auge leuchtete mich an, daß in das meine die Träne der Rührung trat: ›Sohn Warnefrids, Paule, mein Liebling: all diese meine Getreuen wissen, welch großen Dank ich und mein Haus dir schulden. Nie kann ich dir vergelten. Aber alle Welt soll wissen und vor allem mein Hof und mein Reich, wie tief ich solche Dankespflicht empfinde. Dem Mönch darf ich nicht Allod, nicht Beneficium bieten, nicht Gold noch köstlich Gewaffen noch weltlich Amt in Hof oder Reich: lebst und webst du doch im Geistlichen, in der Kirche: aber in diesem deinemkirchlichen Stand stehst du mir lang schon viel zu niedrig! auf meinen Wunsch wird dich der gute Herr von Salzburg – siehst du, dort steht er! – gar geschwind mit rascher Häufung der niedern Grade zum Diakonus weihen an meiner Stiftskirche zu Aachen, und ›Paulus Diakonus‹ soll fortab dein Ehren-Name lauten, von deinem König dir verliehen. Doch mehr: gern möcht' ich dich für immer um mich haben: dein Abt Theudemar gibt dich gewiß aus seinem Kloster frei, verlangen wir das beide: und so sollst du – bei deiner Jugend noch unter meinem Archicapellanus – mein Capellanus werden und fortab dienen, leben und wohnen in der Capella meines Palatiums. Sprich, willst du das, mein Sohn?‹

Mich überwältigte fast die Rührung: ach, neben dem Dank für soviel Güte ward das Heimweh so übermächtig in mir, die Sehnsucht nach euch, ihr Hohen und Lieben, in der Heimat, die Sehnsucht nach meiner stillen Zelle am Garigliano, nach dem gütigen, weisen Abt, nach dem treuen Bruder, ja auch nach den Pinien und Cypressen des Schloßgartens von Benevent, daß meine ganze Seele erschrak bei dem Gedanken, mein Leben lang von dort, von euch verbannt zu sein: so faßte ich mir ein Herz – es war nicht leicht, so reiche Güte auszuschlagen! – und sprach: ›Nein, Herr König! Ich danke dir vom Grund der Seele: aber meine Stätte ist nicht hier, nicht in Glanz und Lärm der Welt, sie ist in meiner Heimat, in meinem Kloster, in meiner Zelle: dorthin laß mich zurückkehren: dort will ich ein großes Werk, das Werk meines Lebens schreiben: du und Fürstin Rothtrud ihr braucht mein Griechisch nicht mehr.‹

Ein leicht Gewölk flog über seine klare Stirn, doch freundlich sprach er: ›Ich hab's gefürchtet, denn ich kenne deine stille Seele. Ein großes Werk? Ich ahne: du sprachst davon. Mag's sein! Aber die Flucht von mir hinweg wird wohl nicht eilen. Den Capellanus schlugst du aus –: so erbitte dir irgend eine andere Gnade von mir: denn den Diakonat gibt dir die heilige Kirche. Wähle! Wünsche!‹

›Herr König, ich habe keinen Wunsch.‹

›Wohl, jetzt, für dich. Aber – nach deines Herzens Art! – etwa für andere.‹

Ich sann nach: da fiel mir ein, wie's mich erschüttert hatte, als ich jüngst – von ungefähr war ich dazu gekommen auf dem Marktplatz von Aachen – einen zum Tod Verurteilten – wegen infidelitas – zum Galgen schleifen sah: er sträubte sich mit allen Kräften, er wand die Glieder in seinen Ketten, die Todesangst stand auf seinem Gesicht: – es war grauenhaft! ›Wohlan, Herr König,‹ rief ich kurz entschlossen, ›so gewährt mir eine Freibitte, wie sie bei mir daheim in Langobardien zuweilen Abten oder Äbtissinnen verliehen wird.‹

›Freibitte? Für wen? Von was?‹

›Für einen Verurteilten: – vom Tode.‹

Der König stutzte einen Augenblick: er sann nach: ›Hm,‹ meinte er, ›sonderbar. Recht sonderbar! Aber nein doch: echt christlich, und echt priesterlich. Auch das ist ganz mein Paulus, drum gefällt's mir. So sei's! Aber höre,‹ lächelte er, drohend den Zeigefinger hebend, ›nur einmal! Und nur einen! Dein Erbarmen wär' im stande, einen ganzen Schlachthaufen treubrüchiger Sachsen freizubitten. Nur ein Leben! Und nun, nimm hier, vor seinem ganzen Hof, deines Königs Dank!‹

Und er schritt an mich heran und küßte mich auf beide Wangen. Mir schwindelte. Ich entzog mich dem Händedruck der andern, eilte in mein Kämmerlein, warf mich auf die Knie, dankte inbrünstig Gott und weinte, weinte, weinte. Ach, meine Seele, meine undankbare Seele, war nicht hier: – in heißer Sehnsucht war sie bei euch.«

  • Text-Herkunft: Gemeinfrei
  • Text-ID 3313
  • Hinzugefügt am 16. Jan 2014 - 18:02 Uhr

Aufrufe: 11 | Downloads: 0

<- vorheriger Text nächster Text ->

Verwandte Suchbegriffe

vater, sohn, mönch, paar, bruder

Einsteller: sophie-clark

Kommentieren

1 Kommentar

  1. sophie-clark

    Im nächsten Teil:Sorge um den Herzog

    14. Sep 2016 - 10:48 Uhr

 

Alle Texte der Sammlung "Felix Dahn"

Prosa > Epik > ErzählungFelix Dahn | in: Felix Dahn | 1834-1912

Die Freibitte Teil 1

mehr…

  Titelverzeichnis auf eigenmensch.as von A-Z   I. In dem Palatium der Langobardenkönige zu Pavia reichte der von der Königin und ihrer Tochter

 

Prosa > Epik > ErzählungFelix Dahn | in: Felix Dahn | 1834-1912

Die Freibitte Teil 2

mehr…

II. Wie herrlich ist der Ausblick von Monte Casino weithin über das Land, über das blühende Tal des Garigliano im Westen und Süden und die umliegenden Berge, die

 

Prosa > Epik > ErzählungFelix Dahn | in: Felix Dahn | 1834-1912

Die Freibitte Teil 3

mehr…

IV. Und Arichis hob an, nach einem herzhaften Schluck des tiefdunkelroten Weines, den die fleißigen Mönche dem sonnenbestrahlten Schieferschutt ihres Berges

 

Prosa > Epik > ErzählungFelix Dahn | in: Felix Dahn | 1834-1912

Die Freibitte Teil 4

mehr…

V. In Benevent, im Garten des hochgelegenen Kastells, zugleich Palatiums der langobardischen Herzoge, wandelten wenige Wochen darauf die beiden Arichis, Senior

 

Prosa > Epik > ErzählungFelix Dahn | in: Felix Dahn | 1834-1912

Die Freibitte Teil 5

mehr…

VI. »Seinem hochehrwürdigen Vater und Herrn Theudemar dem Abt, Paulus, Warnefrids Sohn, der Mönch. Hätt' ich auch nicht verbrochen, Euch, dem hohen Paar zu

 

Prosa > Epik > ErzählungFelix Dahn | in: Felix Dahn | 1834-1912

Die Freibitte Teil 6

mehr…

VII. Als der Herzog von Benevent den langen Brief – Abt Theudemar hatte ihn selbst gebracht – laut zu Ende gelesen, warf er ihn unmutig auf den runden Marmortisch